Sind Pilze noch radioaktiv? Cäsium 40 Jahre nach Tschernobyl
Ja, manche schon, aber meist nicht viel. In Waldpilzen steckt noch messbar Cäsium-137 aus Tschernobyl, am meisten in Maronen, Semmelstoppelpilzen und einigen anderen Arten, vor allem aus Südbayern und Teilen Österreichs. Steinpilze und Pfifferlinge liegen meist niedrig, Parasole fast immer unter der Nachweisgrenze. Wer Pilze in üblichen Mengen isst, bekommt dadurch nur wenig zusätzliche Strahlung ab. Hier steht, welche Arten und Gegenden betroffen sind, mit den Messwerten der Behörden und einer Karte des Cäsiums im Boden.

Warum sind Pilze 40 Jahre nach Tschernobyl noch radioaktiv?
Ende April und Anfang Mai 1986 zog die radioaktive Wolke aus Tschernobyl über Mitteleuropa. Wo es in diesen Tagen regnete, wusch der Regen das Cäsium aus der Luft auf den Boden, deshalb ist es bis heute so ungleich verteilt. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren: 2026 ist noch rund 40 % dessen da, was 1986 fiel. Cäsium-134 und Jod sind längst zerfallen. Ein kleiner Teil des Cäsiums stammt außerdem aus den Kernwaffentests der 1950er und 1960er Jahre.
Auf Äckern und Wiesen halten Tonminerale das Cäsium fest, Getreide, Gemüse und Milch sind deshalb seit Langem kaum noch belastet. Im Wald ist das anders. Die saure Humusschicht hält das Cäsium in den obersten Zentimetern, genau dort, wo die Pilzgeflechte wachsen, und dort bleibt es verfügbar. Pilze nehmen es auf, weil es sich ähnlich verhält wie Kalium, das sie brauchen. So kreist das Cäsium seit Jahrzehnten zwischen Pilzen, Laub und Boden, statt in die Tiefe zu wandern.
Welche Pilze sind radioaktiv belastet?
Wie viel Cäsium in einem Pilz steckt, hängt zuerst von der Art ab und dann vom Ort. Viel nehmen Mykorrhizapilze auf, die mit Bäumen zusammenleben und ihr Geflecht in der Humusschicht haben. Pilze auf Holz und die meisten Wiesenpilze nehmen kaum etwas auf. Die offenen Messdaten des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) enthalten seit 2020 knapp 1 700 Proben von Wildpilzen aus Deutschland, die meisten aus Bayern und Brandenburg. Je Art der Median, also der mittlere Wert, und der höchste Wert, in Becquerel Cäsium-137 je Kilogramm frischer Pilze:
- Habichtspilz: Median 245, höchstens 554 (20 Proben)
- Semmelstoppelpilz: Median 164, höchstens 457 (11 Proben)
- Maronenröhrling: Median 65, höchstens 2 237 (347 Proben, 6 über 600)
- Pfifferling: Median 24, höchstens 770 (98 Proben)
- Steinpilz: Median 19, höchstens 170 (185 Proben)
- Krause Glucke: Median 8, höchstens 390 (56 Proben)
- Hallimasch: Median unter 1, höchstens 51 (18 Proben)
- Parasol: meist unter der Nachweisgrenze, höchstens 362 (62 Proben)
- Morchel und Schwefelporling: fast nichts, höchstens 8 (je 5 Proben)
- Wiesenchampignon und Riesenbovist: so gut wie nichts (27 und 16 Proben)
Die sechs Maronen über 600 kamen alle aus Bayern, drei davon aus dem Landkreis Regen im Bayerischen Wald. Im Mittel aber zählt der Ort weniger, als man denkt. Maronen aus Bayern lagen im Median bei 91, die aus Brandenburg bei 54, obwohl dort viel weniger Cäsium im Boden liegt. Auf sauren, nährstoffarmen Sandböden nehmen Pilze besonders viel davon auf. Ein Parasol aus Südbayern ist deshalb meist sauberer als eine Marone aus Brandenburg.
An eigenen Messstellen in stark belasteten Gegenden, etwa im Bayerischen Wald, fand das BfS von 2023 bis 2025 mehr als 1 000 Becquerel je Kilogramm bei Semmelstoppelpilzen und Rotbraunen Semmelstoppelpilzen, Elfenbeinschnecklingen, Trompetenpfifferlingen, Maronenröhrlingen, Seidigen Ritterlingen, Dickblättrigen Schwärztäublingen und Blassblauen Rötelritterlingen. An derselben Stelle schwanken die Werte stärker als von Jahr zu Jahr.
In Österreich wurden 2022 und 2023 304 Pilzproben aus dem ganzen Land gemessen. Am höchsten lagen Reifpilze (Median 481), Semmelstoppelpilze (267), Trompetenpfifferlinge (137) und Maronen (118), Eierschwammerl lagen bei 45, Fichtensteinpilze bei 24, Parasole unter der Nachweisgrenze. 22 Proben hatten mehr als 600 Becquerel je Kilogramm, bis auf eine alle aus stark belasteten Gegenden.
Wo sind Pilze am stärksten belastet?
Entscheidend ist, wo es Anfang Mai 1986 geregnet hat. In Deutschland traf es vor allem den Süden: Südbayern, den Bayerischen Wald und Teile Oberschwabens. Im Norden fielen selten mehr als 4 000 Becquerel je Quadratmeter, im Süden bis zu 50 000 und an einzelnen Stellen 100 000. Als heute noch stärker belastet nennt das BfS den Bayerischen Wald, das Donaumoos südwestlich von Ingolstadt, die Umgebung von Mittenwald und das Berchtesgadener Land.
In Österreich liegen die höchsten Werte in Teilen Oberösterreichs, Salzburgs, Kärntens und der Steiermark. In der Schweiz traf es vor allem das Tessin.
Die Ebene Strahlung auf der Karte zeigt das Cäsium-137 im Boden für jeden Quadratkilometer in Deutschland und Österreich, heute und für 1986. Im Norden Deutschlands liegt heute rund 1 Kilobecquerel je Quadratmeter, im Harz gut 2, um München 10, um Augsburg 18 und im Salzkammergut stellenweise über 30. 1986 war es zweieinhalbmal so viel.
Wie gefährlich sind radioaktive Pilze?
Pilze mit mehr als 600 Becquerel Cäsium-137 je Kilogramm dürfen in Deutschland nicht verkauft werden. Für Pilze, die du selbst sammelst und isst, gilt dieser Wert nicht. Er ist vorsichtig angesetzt.
Zur Einordnung rechnet das BfS so: 80 000 Becquerel Cäsium-137 mit der Nahrung ergeben für Erwachsene etwa 1 Millisievert. Eine Mahlzeit aus 200 Gramm Pilzen mit 1 000 Becquerel je Kilogramm bringt 0,0025 Millisievert, weniger als ein Flug von Frankfurt nach Gran Canaria. Wer ein Jahr lang jede Woche so eine Mahlzeit isst, kommt auf etwa 0,13 Millisievert. Die natürliche Strahlung macht in Deutschland rund 2 Millisievert im Jahr aus. Mit Maronen von mittlerer Belastung, 65 Becquerel je Kilogramm, wären es nur ein Fünfzehntel dieser Werte.
Wer seine Strahlendosis klein halten will, sollte nach dem BfS in den stärker belasteten Gegenden nicht übermäßig viele selbst gesammelte Pilze essen. In üblichen Mengen ist die zusätzliche Dosis gering. Das österreichische Umweltministerium hält Steinpilze und Parasole praktisch überall für unbedenklich, rät, Eierschwammerl aus stark belasteten Gegenden nicht in großen Mengen zu essen, und Maronen, Reifpilze und Semmelstoppelpilze eher zu meiden.
Hilft Abkochen gegen Cäsium?
Ja, zum Teil. Cäsium löst sich in Wasser. Die finnische Lebensmittelbehörde empfiehlt, belastete Pilze einzuweichen oder abzukochen und das Wasser wegzuschütten; so gehen 70 bis 90 % des Cäsiums heraus. Mit dem Wasser geht allerdings auch Geschmack verloren.
Trocknen hilft nicht. Das Cäsium bleibt im Pilz, nur das Wasser verdunstet, und der Wert je Kilogramm steigt etwa auf das Zehnfache. Ein getrockneter Pilz ist also nicht stärker belastet als derselbe frische, die Zahl je Kilogramm ist aber höher.
Kann ich Pilze selbst auf Strahlung messen?
Mit einem Geigerzähler nicht. Ein Kilogramm Pilze mit 1 000 Becquerel hebt die Anzeige direkt daneben nur um einen Bruchteil der natürlichen Strahlung, die das Gerät ohnehin misst. Verlässlich messen kann das nur ein Labor mit einem Gammaspektrometer.
Auch die Strahlung im Wald sagt wenig. Die Ortsdosisleistung, die die Messnetze überall zeigen, kommt fast ganz aus Gestein und Weltall. Das Cäsium macht bei den Messungen der Messnetze seit 2020 höchstens 0,009 Mikrosievert je Stunde aus, die natürliche Strahlung 0,05 bis 0,2. Granitgegenden wie das Fichtelgebirge oder das Erzgebirge zeigen deshalb hohe Werte, auch wo kaum Cäsium liegt.
Wildschwein und Hirschtrüffel
Noch stärker als Pilze ist mancherorts Wildschweinfleisch belastet. Wildschweine fressen Hirschtrüffel, unterirdische Pilze mit mehr als zehnmal so viel Cäsium wie Speisepilze. Im Bayerischen Wald fand das BfS zwischen 2017 und 2020 bis zu etwa 17 000 Becquerel je Kilogramm Wildschwein, in den bundesweiten Messungen von 2023 bis 2025 lagen die höchsten Werte bei rund 1 000. Reh und Hirsch sind viel geringer belastet.
Wie die Strahlungskarte entsteht
Für Österreich nimmt die Karte die 2 283 Messpunkte der Cäsiumkarte des Umweltbundesamts und mittelt sie über etwa 5 km. Für Deutschland gibt es keine offene Karte der Ablagerung. Die Karte nimmt deshalb die Messungen, mit denen die Messnetze von Bund und Ländern seit 2020 an rund 2 200 Stellen die Strahlung des Cäsiums im Boden bestimmen, und rechnet sie in Becquerel je Quadratmeter um. Den Faktor dafür liefert der Vergleich mit den österreichischen Messpunkten entlang der Grenze. Örtlich kann die Schätzung um bis zu das Doppelte danebenliegen, im Bayerischen Wald liegt sie eher zu niedrig. Für die Schweiz und Liechtenstein gibt es keine offenen Daten.
Die Karte zeigt, wie viel Cäsium im Boden liegt, nicht, wie viel in einem bestimmten Pilz steckt. Dafür zählt die Art mindestens so viel wie der Ort. In die Chance der Karte fließt die Strahlung nicht ein, sie ist eine eigene Ebene. Wie die Chance entsteht, steht im Beitrag Wann wachsen Pilze?.
Quellen
- Bundesamt für Strahlenschutz: Radioaktive Belastung von Pilzen und Wildbret, Stand August 2026.
- Bundesamt für Strahlenschutz, IMIS-Geoportal: Messdaten zu Wildpilzen und In-situ-Messungen am Boden, dl-de/by-2-0, abgefragt im Oktober 2026.
- Österreichisches Umweltministerium: Radionuklide in Pilzen, Pilzmonitoring 2022/23.
- Umweltbundesamt: Cäsiumkarte. Datenquellen: Ämter der Landesregierungen von Burgenland, Kärnten, Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol, Vorarlberg und Wien, BMLRT, BMK, Umweltbundesamt GmbH, © BEV 2002.
- Ruokavirasto (finnische Lebensmittelbehörde): Guidelines for handling of mushrooms.